Es gibt diesen leisen, manchmal auch sehr lauten Irrglauben:
Wenn man als Coach arbeitet, wenn man sich intensiv mit innerer Heilung, Energiearbeit und persönlicher Entwicklung beschäftigt, dann ist man irgendwann „durch“. Klar, stabil, zentriert – immer.
Ich lächle heute ein bisschen darüber.
Und gleichzeitig schreibe ich diesen Text aus einer sehr ehrlichen, ganz aktuellen Erfahrung heraus.
Denn nein – wir sind nicht „fertig“.
Wir sind Menschen. Mit Geschichte. Mit Nervensystem. Mit inneren Anteilen.
Und ja – auch mit einem inneren Kind, das manchmal plötzlich das Steuer übernimmt.
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Eine Situation, die mich zurückgeworfen hat
In den letzten Tagen gab es bei uns auf dem Hof eine Situation mit Menschen, die ihre Pferde zu uns gebracht haben und hier ihr eigenes Business aufbauen möchten.
Was auf der Oberfläche wie eine ganz „normale“ Konstellation wirkte, hatte energetisch eine ganz andere Qualität.
Es fühlte sich eng an. Vereinnahmend.
Grenzüberschreitend.
Und da war noch etwas anderes in der Luft – eine Energie von „Wir sind etwas Besseres“.
Vielleicht nicht bewusst so gemeint. Aber spürbar.
Mein System hat sofort reagiert.
Nicht als Coach.
Nicht als ruhige Beobachterin.
Nicht als Energetikerin.
Sondern als etwas ganz anderes.
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Wenn das Nervensystem übernimmt
Innerhalb kürzester Zeit war ich nicht mehr in meiner Mitte.
Da war Wut.
Da war Angst.
Da war ein massives Bedürfnis nach Schutz.
Für mich. Für meine Pferde. Für meinen Raum.
Und plötzlich lief ich wie auf Autopilot.
Grenzen setzen – ja.
Aber nicht sanft. Nicht diplomatisch.
Sondern klar, hart, fast schon kämpferisch.
In solchen Momenten merkt man:
Das ist nicht „nur“ die aktuelle Situation.
Das ist etwas Tieferes.
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Das innere Kind meldet sich
Erst als wieder etwas Ruhe eingekehrt ist, konnte ich hinschauen.
Und da war es.
Mein inneres Kind.
Wütend. Verletzt. Verängstigt.
Ein Anteil, der sich übergangen fühlt.
Nicht gesehen. Nicht respektiert.
Vielleicht sogar „klein gemacht“.
Und plötzlich wurde klar:
Diese Situation hat etwas Altes berührt.
Ein Gefühl von „entthront werden“.
Ein inneres Bild, das mit meiner eigenen Geschichte zu tun hat – mit dem Moment, als mein jüngerer Bruder geboren wurde und ich mich von einem Podest gestoßen gefühlt habe.
Dieses Gefühl:
Ich werde verdrängt. Ich werde weniger wichtig.
Das war nicht neu.
Aber es wurde durch diese Begegnung wieder lebendig.
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Warum solche Momente so wertvoll sind
So unangenehm diese Situationen sind – sie sind auch Geschenke.
Nicht, weil sie sich gut anfühlen.
Sondern weil sie uns zeigen, wo wir noch hinschauen dürfen.
Gerade wenn wir in diesem Bereich arbeiten, ist es so wichtig, ehrlich zu bleiben.
Nicht perfekt.
Sondern bewusst.
Zu erkennen:
– Welcher Anteil hat gerade übernommen?
– Was genau wurde in mir ausgelöst?
– Und was braucht dieser Anteil wirklich?
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Innehalten statt funktionieren
Der wichtigste Schritt war für mich nicht, „es richtig zu machen“.
Sondern innezuhalten.
Mich wieder zu verbinden.
Zu spüren.
Und dann meinem inneren Kind zuzuhören:
Was möchtest du mir sagen?
Wovor hast du Angst?
Was brauchst du gerade von mir?
Und genau dort beginnt die eigentliche Arbeit.
Nicht im Außen.
Sondern im Innen.
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Auch wir begleiten – und gehen gleichzeitig unseren eigenen Weg
Als Coach begleite ich Menschen auf ihrem Weg.
Ich halte Räume. Ich sehe Prozesse. Ich erkenne Muster.
Aber ich bin nicht außerhalb davon.
Ich gehe meinen Weg genauso.
Mit allem, was dazugehört.
Und vielleicht ist genau das unsere größte Stärke:
Nicht, dass wir „fertig“ sind.
Sondern dass wir bereit sind, immer wieder hinzuschauen.
Ehrlich.
Mitfühlend.
Und ohne uns selbst zu verurteilen.
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Ein liebevoller Reminder
Wenn du selbst gerade in einer Situation steckst, in der du merkst:
„Das bin gerade nicht ich in meiner Klarheit…“
Dann atme kurz.
Und frag dich:
Wer in mir spricht gerade?
Und was braucht dieser Anteil wirklich?
Denn oft ist es nicht der erwachsene Teil von uns, der laut ist.
Sondern ein kleiner, verletzter Anteil, der endlich gesehen werden möchte.
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Und genau dort beginnt Heilung.
